Christines kleine Schreibstube


 

DER CLOWN, DER TRAURIG WAR

 

Die Kinder und Erwachsenen kennen nur sein lustiges Gesicht. Wenn er vor seinem Publikum steht,  macht er seine einstudierten Späße, tollt herum, macht tapsige Bewegungen und lacht über sich.

Ja, es gelingt ihm immer, die Leute zu begeistern, und es freut ihn, wenn er merkt, dass er gut ist. Wie schwer ist es, lustig zu erscheinen, wenn das Herz traurig ist. Doch danach fragt niemand. Es ist sein Beruf, Menschen zum Lachen zu bringen. Man erwartet von ihm nichts anderes. Keiner denkt in dem Moment daran, dass auch ein Clown nur ein Mensch ist, der wie jeder andere seine Hochs und Tiefs im Leben erlebt.

Heute hat er einen traurigen Tag. Jeder kennt solche Tage. Da ist einem eben nicht zum Lachen zumute.

"Wie werde ich den Tag überstehen? Wenn ich bloß heute keinen Auftritt hätte. Am liebsten würde ich mich verkriechen, einfach krank machen. Ich bin ja so einsam." So denkt der Clown, und seine Traurigkeit nimmt durch solche Gedanken noch zu.

Er lebt alleine, sehnt sich nach Liebe und Geborgenheit, nach Wärme und Zuneigung. Die vielen Menschen, die er allwöchentlich sieht, sind kein Ersatz. Sie lassen ihn für Stunden sein Schicksal vergessen. Doch auch er möchte einmal glücklich sein, möchte erleben, dass sich jemand auf ihn freut, wenn er aus dem Zirkuszelt kommt. Bei diesem Menschen möchte er so sein, wie er wirklich ist. Das wäre für ihn Erholung für Leib und Seele. Dann könnte er von Herzen lachen, ein echtes, von innen kommendes Glücksgefühl würde sein Gesicht zum Strahlen bringen. Es würde ihn dann gar nicht anstrengen. Das Fröhliche würde ganz von selbst kommen und sich auf die Zuschauer übertragen. Solche Gedanken gehen ihm durch den Kopf, während er sich für seinen Auftritt zurecht macht. Es kostet ihn heute so viel Überwindung. Er zieht die rote Umrahmung seines Mundes höher als sonst, damit er leichter lächeln kann.

Vor ihm, in der ersten Reihe, sitzt eine Frau, die ihm gefällt. Sie ist alleine und sieht irgendwie traurig aus, das meint er, zu erkennen.  Wahrscheinlich hat sie Kummer und will sich hier ablenken, so denkt er. Ja, für sie will er heute sein Bestes geben. Er will sie zum Lachen bringen und vergisst dadurch seinen eigenen Schmerz.

Heute gibt er eine Vorstellung nur für sie. Ob sie etwas davon merkt? Zum Abschluss seiner Vorstellung, während die anderen tüchtig Beifall klatschen, verneigt er sich besonders vor ihr, zieht seinen Hut, und scheinbar bewirkt sein kahler Kopf und sein drolliges Aussehen, dass die Frau lächelt und sich ebenfalls etwas verneigt, so als wollte sie sich für die spezielle Aufmerksamkeit von ihm bedanken. Ein Glücksgefühl erhellt sein Inneres. Er fühlt sich besser, und alles Schwere ist in diesem Augenblick von ihm gewichen. Er hat seinen Tiefpunkt überwunden.Vor dem Einschlafen sieht er noch im Geiste ihr Lächeln,  das ihn so angenehm berührt hat und mit diesem Bild vor Augen schläft er ein.

 

 

 

UNTER EINEM DACH

 

(Eine Fantasiegeschichte, die ich anlässlich eines Klassentreffens im Jahre 2000 schrieb)

 

Wir könnten in ein Haus ziehen, wenn wir alt sind.

Das wäre die Lösung. Die meisten schmunzelten darüber, doch sie fanden die Idee gar nicht so schlecht. Warum nicht? Man könnte es doch wenigstens probieren.

Einer der Klassenkameraden erklärte sich bereit, einen Plan zu entwerfen und die Kosten zu berechnen. Schließlich muss man wissen, ob man sich so einen Luxus überhaupt leisten kann.

Doch jeder hat in seinem Leben gespart, und so müsste es eigentlich realisierbar sein.

Es sollte ein Haus mit einem kleinen Garten sein, das Haus natürlich in einer schönen Wohnlage. Jeder w�rde ein eigenes Zimmer selbstverständlich mit Toilette und Dusche bekommen, für alle gleich groß, und im Erdgeschoss würde ein großer Raum zum jeweiligen Beisammensein zur Verfügung stehen.

Die Lage der Zimmer muss ausgelost werden, um im Vorfeld Streitigkeiten zu vermeiden. Nur das Stockwerk darf  jeder wählen und zwar zwischen erstem und zweitem. Das Haus sollte noch über drei Reservewohneinheiten verfügen, falls es sich noch jemand überlegte und zu der lustigen Gruppe, sprich Wohngemeinschaft, ziehen wollte.

Es könnte ja sein, dass Ingrid aus Amerika zu uns kommt und für eine längere Zeit bei uns wohnen will. Dafür wäre die Reservewohnung wie geschaffen.

Jeder hatte neue Vorschläge, es machte richtig Spaß, dieses gemeinsame Planen.

Die Frauen dachten gleich an bestimmte Möbel, die sie unbedingt mitnehmen wollen. Die Wand müsste dreieinhalb Meter lang sein, damit der schöne Schlafzimmerschrank, der doch noch so gut ist, auch hinein passt.

Die Männer dachten an ganz andere Dinge. Sie sprachen über Isolierung, Unterkellerung und Dachbelag. Das war für die Frauen nicht so wichtig. Für sie war das Thema Küche viel interessanter. Wer würde kochen? Wer würde waschen, wer bügeln? Jeder darf das machen, was ihm liegt. Nicht schlecht. Oder? Wer würde putzen? Die Frauen würden den Männern helfen und umgekehrt.

Und ein Hausmeister müsste her, nein, am besten zwei. Schließlich soll ja nicht alles an einem hängen. Wer übernimmt diesen Posten?

Es wurden Horst und Norbert gewählt. Sie machten erst große Augen und schluckten, sagten aber nicht nein. Da wussten sich alle in guten Händen.

Was tun, wenn das Fenster klemmt, die Tür quietscht, die Lampe nicht brennt, der Wasserhahn tropft, das Wasser in der Dusche nicht richtig abläuft, die Waschmaschine schlecht schleudert, ein Bild aufgehängt werden muss?

Die beiden sind ständig mit einem Werkzeugkoffer hinterher. Sie werden allerdings von den Damen viel gelobt mit den Worten: "Ach wenn wir Euch nicht hätten", und das tut wiederum gut. Und die Damen überlegen, was sie für die beiden guten Hausgeister tun könnten. So bekommen sie oft das Lieblingsgericht gekocht, und den anderen Herren, die durch ihre Muskelkraft behilflich sind, sei es beim Möbelrücken oder sonstigem, geht es genau so. Auch sie werden verwöhnt.

Das Frühstück wird im großen Zimmer eingenommen. Wer lieber im Bett frühstücken will, auch dieser Wunsch wird erfüllt. Aber gemeinsam schmeckt es besser. Die Herren, die nicht so lange schlafen können, lesen bereits die Tageszeitungen und können beim Frühstücken schon druckfrische Neuigkeiten servieren.

Apropos frisch. Natürlich gibt es jeden Tag frische Brötchen. Dafür hat sich ein Frühaufsteher zur Verfügung gestellt. Es wird auch auf persönliche Wünsche eingegangen. Es gibt Müsli, frisches Obst, Eier mit Schinken, Vollkornbrot, alles, was das Herz begehrt.

Eine der Damen, mit Namen Helga, erstellte die Hausordnung. Ja, auch das muss es geben. Schließlich handelt es sich um ein ordentliches Haus. Helga organisiert noch viel mehr. Sie spricht Themen an, die einfach wichtig sind. Sie hilft beim Ausfüllen von Formalitäten und übernimmt die Buchhaltung. Schließlich muss das Geld verwaltet werden, und alle vertrauen ihr.

Manchmal gibt es einen Liederabend, an dem gemeinsam gesungen wird.

 

Sah ein Knab ein Röslein stehen.

�nnchen von Tharau, ist die mir gefällt.

Am Brunnen vor dem Tore, da steht ein Lindenbaum....

 

Diese Lieder stehen auf dem Programm. Die meisten können sogar die zweite Strophe, denn sie haben sie bei Lehrer Kolb als Kinder oft genug gesungen. Der eine hat sich das gemerkt, der andere jenes. Und gemeinsam klappt manchmal sogar noch die dritte Strophe. Ein Kerzenlicht sorgt für angenehme Stimmung.

Ingrid krempelt oft die Ärmel hoch und schafft Ordnung. Sie sieht Dinge, die andere nicht so wahr nehmen. Sie ist der gute Geist des Hauses. Sie versorgt kleine Wunden, ersetzt fast einen Arzt, denn mit ihrem Wissen über chinesische Medizin und über die Heilung durch Edelsteine kann sie manchem Zipperlein entgegen wirken.

Gerlinde ist für abgerissene Knöpfe, für Flicken und Nähen und kaputte Socken der Männer zuständig. (Natürlich nur, wenn diese frisch gewaschen sind.) Und wenn eine Hose oder ein Rock gekürzt werden muss, ist es für sie auch kein Problem.

Christine ist für die Pflanzen in Haus und Garten zuständig. Sie wühlt jeden Tag im Garten herum. Sie pflanzt und gießt und sorgt immer für frische Blumen im gemeinsamen Zimmer. Bäume ausreißen kann sie allerdings nicht mehr, auch keine Sträucher mehr. Es reicht nur noch zum Unkraut ausreißen.

Auch wenn einer nicht mehr recht laufen kann, ist ein Rollstuhl da. Keiner muss dann alleine im Haus bleiben. Er kommt mit, auch wenn es über Stock und Stein geht.  Sogar Haustiere dürfen in dem gemeinsamen Haus gehalten werden. Einer bringt seinen Vogel mit, der andere seine Katze. Auch kleine Hunde sind erlaubt. Und was das Schöne ist, in dieser WG verstehen sich sogar die Tiere.

Weihnachten wäre dann auch keiner alleine. Wer sich nicht an seine Kinder hängen will, bleibt eben am Heiligabend in der WG. Viele Kinder sind erleichtert, wenn sie ihre Mutter oder den Vater so gut aufgehoben wissen. Da muss sich kein schlechtes Gewissen einstellen. Und die Alten lassen keine Wehmut aufkommen. Und wenn wirklich mal einer den "Moralischen" kriegt, sind genügend nette Kameraden da, um ihn wieder aufzurichten.

Ein Auto ist für notwendige Einkäufe und Fahrten zum Arzt vorhanden. Karli, der jahrelang in leitender Stellung bei Opel war, hat es günstig besorgt. Er pflegt und hegt es und ist der freundliche Chauffeur. Es ist also an alles gedacht.

Und wenn Geburtstag ist, dann gibt es eine besondere Torte, gebacken von Rosemarie.

Feste gibt es genug zu feiern. Dazu fällt jedem etwas ein.

Ursel, die in der Modebranche tätig war, kümmert sich darum, dass die Damen und Herren immer adrett gekleidet sind. Ihr tut es weh, wenn die Farbe des Halstuches nicht mit der restlichen Garderobe harmoniert und der Schlips nicht zu Hemd und Hose passt. Da greift sie mit Takt ein.

Die andere Ursel sorgt dafür, dass auch kulturell etwas unternommen wird. Sie studiert das Theaterprogramm, besorgt die Karten und kümmert sich um die Fahrgelegenheit.

Karin und Karola planen gemeinsame Unternehmungen. Mit dem Bus an den Rhein, zu Fuß nach Mönchbruch oder ein Ausflug in das nahegelegene Thermalbad, Wandern im Taunus, Flug nach Mallorca und noch vieles mehr. Es wird nicht langweilig. Ständig ist was los. So soll es sein. Das ist Leben!

Und wenn nach diesem Bericht noch jemand Lust auf die WG bekommen hat, wie gesagt, es sind noch Wohnungen frei.

 

 

 

MEIN SCHWEIHU

 
Ich habe einen Hund. Er heißt Schweihu.

Du wirst denken: Das ist aber ein komischer Name. Den habe ich noch nie gehört. Kann schon sein, aber wenn du weiter liest, wirst du diesen Hund genauer kennen lernen.

Er folgt mir auf Schritt und Tritt.

Sitze ich am Computer, so ist er auch bei mir. Da hält er besonders still und zwingt mich sogar, nicht aufzuhören. Er ist dran Schuld, dass ich stundenlang vor dem Gerät sitze.

Es beginnt schon beim Aufstehen in der Früh. Schweihu liegt neben mir. Wenn ich schon einen Fuß aus dem Bett habe, flüstert er mir ins Ohr: "Du kannst doch noch liegen bleiben, du hast doch alle Zeit der Welt." Recht hat er, ein schlauer Hund, dieser Schweihu. Und so ziehe ich meinen Fuß wieder unter die Bettdecke und drehe mich noch einmal um und schlafe weiter.

Beim Frühstücken hat Schweihu auch etwas mitzureden. Ich wäre ja mit einem Knäckebrot zufrieden, aber Schweihu besteht darauf, frische Brötchen zu holen. Und die schmecken natürlich besser. Recht hat er, dieser gute Hund.

Er meint es doch nur gut mit mir. So auch beim Sporttreiben. Ich laufe nicht so gerne. Spazieren gehen bei diesem kalten Wetter? Schweihu zieht es nach draußen. Ich will in der warmen Wohnung bleiben. Erst mal schöneres Wetter abwarten, dann kann man immer noch spazieren gehen. Diesmal habe ich gewonnen.

Aber nicht immer lasse ich Schweihu mein Leben bestimmen. Es kostet mich Kraft, ihn zu überlisten. Und manchmal führen wir einen richtigen Kampf. Oft gewinnt er, aber nicht immer. Wenn ich der Sieger bin, bin ich stolz darauf, mich gegen Schweihu  durchgesetzt zu haben. Freilich ist er ein starker Bursche voller Kraft und Saft. Und Einfälle hat der.......

Heute wollte ich eine Radtour machen. Das Wetter ist einigermaßen geeignet dazu. Ich richte mich ein, ziehe mich wärmer an als sonst. Auf los! Schweihu bleibt am Auto sitzen und regt sich nicht von der Stelle. Was soll ich machen? Ich gebe nach und fahre das Auto aus der Garage. Wahrscheinlich hatte er keine Lust, neben dem Fahrrad herzulaufen.

Dabei hätte uns beiden die Radtour doch so gut getan.

Was essen wir heute? Ich möchte Kartoffel und Gemüse. Schweihu will Fleisch. Nun gut, heute gibt es noch mal Schnitzel, morgen fangen wir mit der gesunden Kost an. Schweihu ist einverstanden und wir gehen zum Metzger.

Wahrscheinlich wird er morgen wieder etwas Gutes wollen.....

Wenn ich abends gemütlich auf der Couch liege, macht Schweihu mich darauf aufmerksam, dass im Küchenschrank noch Schokolade liegt. "Muss das heute sein? Die können wir doch auch morgen naschen. Ich bleibe liegen." Doch Schweihu bohrt weiter. "Nur ein Stückchen". Also stehe ich auf, hole die Tafel, und in kurzer Zeit ist nur noch das Silberpapier übrig. Böser Schweihu!

So geht das Tag für Tag. Ich habe mich an Schweihu gewöhnt und er an mich.

Wir kommen doch gut zurecht.

Oder?

Schweihu ist mein innerer Schweinehund.

 

 

 

DIE FRAU MIT DER SICHEL

 

Es war der heißeste Tag in diesem Jahr. Sie war wieder da, die Frau mit der Sichel.

Ich beobachtete sie schon vor ein paar Tagen vom Wohnzimmerfenster aus, als sie sich einen schmalen Weg durch das meterhohe Gras bahnte.

Ausgerüstet mit einer Handsichel versuchte sie, ein cirka 500 qm großes Wiesenstück zu mähen.

Heute trug sie einen schwarzen Badeanzug,  in dem noch eine recht hübsche Figur steckte.

So leicht angezogen lief sie durch das hohe Gras, immer wieder sich bückend, um ein Grasbüschel zu mähen. Eine Arbeit, vergleichbar mit einer Zahnbürste, die Wohnung zu putzen.

Irgendwann kam mir die Idee, ihr Sprudelwasser anzubieten. Sie tat mir leid, denn ich flüchtete bei dieser Hitze in die Räume und sie..........

Ich wusste, dass sie in einer 60 km entfernten Stadt wohnte. So konnte ich mir vorstellen, dass sie in ihrer kleinen Tasche nicht viel Trinkbares mitgeschleppt hatte.

Also packte ich eine große Mineralwasser Flasche und 2 Gläser   in einen Stoffbeutel und ging nach draußen.

In der Zwischenzeit war die Frau angekleidet, war also schon beim Aufbruch.

Sie nahm mich erst gar nicht wahr. Was sollte ich machen? Rufen? Sie befand sich am anderen Ende des Grundstücks. Oder sollte ich mich wieder weg schleichen?

Ich öffnete das Gartentor, suchte kurz den kleinen Durchgang im hohen Gras, rief "Hallo" und steuerte auf sie zu.

Ich wollte mein Mitbringsel auf den wackeligen Gartentisch stellen, doch dessen Bretter schnellten sofort hoch. Blitzschnell rettete ich die Tasche samt Inhalt. "So ein Bruch", dachte ich. Drei Bretter der Tischplatte waren noch fest. Dort konnte ich dann meinen Beutel hinstellen.

Die Frau freute sich, trank gierig ein Glas, scheinbar hatte sie gar nichts dabei, und bat sogar um ein zweites. So einen Durst hatte sie. Es war eine Hitze von 35 Grad.

 Setzen konnte man sich nicht, denn die Stühle waren auch in einem fürchterlichen Zustand. Wahrscheinlich wären sie unter meinem Gewicht zusammen gebrochen, und ich zog es vor, lieber stehen zu bleiben.

Sie würde bald den Tisch reparieren. Doch wie, so meine Gedanken. Dazu müsste sie Leim, Hammer, Nägel, Zange und noch vieles mehr mitbringen. Außerdem wollte sie die Bänke streichen, die auch uralt aussahen. Und die Stühle gehörten eigentlich auf den Sperrmüll. So meine Meinung, doch die behielt ich für mich, denn dort stehen oft viel bessere......

Wie kann man das alles bewerkstelligen, wenn man so weit weg wohnt und mit dem Zug anreist? Dazu noch ein großes Stück Weg vom Bahnhof zum Grundstück zurücklegen muss? So meine Gedanken.

Wir sprachen über verschiedene Pflanzen. Sie zeigte mir voller Freude ihre blaublühende Akelei und den blühenden Salbei.

Ganz begeistert erzählte sie mir von einem kleinen blauen Schmetterling, namens Bläuling, der schon selten vorkommt. Er hatte sie heute begrüßt, sich auf den Salbei gesetzt und ihr Freude bereitet.

Welch ein Zufall, denn ich sah am gleichen Tag auf einer anderen Wiese so einen kleinen Schmetterling, der meine Aufmerksamkeit hervorrief und den ich fotografieren wollte. Leider war er zu schnell wieder fort geflogen.

 

Sie erzählte mir, dass sie bald in Rente geht. Diese "Wildnis" ist ihr Freizeitspaß. Nur so versteht man die Mühen der Frau. Sie ist an der Luft, hat Bewegung, Freude an der Natur, ihren Pflanzen. Sie hat einen Zeitvertreib, auch wenn andere über sie lachen und sie als "spinnert" bezeichnen, so ihre Worte.

Für mich ist diese Frau bewundernswert, die sich jetzt auf den Weg zum Bahnhof macht und dann noch eine gute Stunde mit dem Zug nach Hause fährt.

Manchmal müsse sie auch noch umsteigen, wenn der Zug nicht durchfährt.

Wie weit sie dann noch vom Bahnhof nach Hause laufen muss, weiß ich nicht. Ich habe sie nicht gefragt.

 

                                   

 

 

 

DIE KLEINE HAND

Ich sehe das Bild noch vor mir. Es war in meinem Urlaub in Gmunden. Sonntags spielte die Kapelle zum Kurkonzert. Mehrere Touristen schlenderten vor der Musikbühne hin und her und lauschten den österreichischen Klängen.

Es war ein schöner Sommertag. Alles passte, das Wetter war nicht zu heiß, denn der Wind wehte leicht über den See. Die Sonne wärmte die Haut, der See glitzerte, die Blumen im Park leuchteten und die Menschen hatten fröhliche Gesichter.

Mir fiel eine asiatische, kleine Frau, schon etwas älter auf, die ein  kleines Mädchen an der Hand hielt. "Es dürfte wohl die Oma sein," so meine Gedanken.

 

Die Kleine sah süß aus in ihrem weißen Sommerkleid mit großen, grünen Tupfen. Das Kleid reichte bis zu den Knöcheln, man konnte nur die niedlichen kleinen Füße sehen, die in weißen Sandalen steckten. Das Haar war dunkel und glatt, auf beiden Seiten mit kleinen Spangen zusammen gehalten, das Stirnpony war kurz geschnitten und gab den Blick in große, dunkelbraune Augen frei.

Unwillkürlich musste ich an meine Schwiegertochter denken, die aus Thailand stammt. Wahrscheinlich sah sie als Kind ähnlich aus.

Während ich dem Kurkonzert zuhörte, blickte ich immer wieder nach links, wo auch die beiden in meiner Nähe standen.

Die Kleine war nach meiner Schützung drei Jahre alt und hielt etwas in der Hand, was ich nicht erkennen konnte. Sie lutschte ab und zu daran und verzog danach meist das niedliche Gesicht. Manchmal knabberte sie ein wenig daran. Was mochte es wohl sein?

Sie blieb brav neben der Frau stehen, für meine Begriffe recht lange für ein kleines Kind. Die Kapelle spielte ein Stück nach dem anderen, nun war bald Pause.

Ich rückte näher heran, denn  meine  Neugierde nahm zu. Was hielt sie bloß in der winzigen Hand?

Nach einer halben Stunde war das Geheimnis gelüftet. Es war eine halbe, noch recht grüne Pflaume, daher also das verzogene Gesichtchen beim Reinbeißen.

Ich hatte volles Verständnis.

Die Kleine reichte den Rest der Pflaume der Großmutter. Diese biss auch ein Stückchen ab und wollte sie ihr wieder zurück geben. Doch eine Kopfbewegung des Kindes zeigte, dass  Oma die Frucht behalten durfte und Oma aß sie, ohne dabei das Gesicht zu verziehen.

 

 

ERDBEERMATSCH

 

Jedes Jahr zur Erdbeerzeit fällt mir eine Begebenheit aus meiner Kindheit ein.

Und das hat eine bestimmte Ursache.

Wer isst nicht gerne zerdrückte Erdbeeren mit Milch und Zucker?

Wer kennt nicht den wohlschmeckenden Erdbeermatsch?

Für uns Kinder war es ein Riesenerlebnis und ein Genuss. Kaum zu beschreiben.

Es war kurz nach dem Krieg.  Geld war keines da und zu essen gab es auch wenig.

Wir Kinder hatten einen langen Fußweg zur Erdbeerblesse. So nannten wir den Platz in Österreich.

Der Weg führte an der Papierfabrik vorbei, in der Vater arbeitete. Wir mussten die Traun überqueren  und einen langen Schotterweg laufen, bis wir im Wald eine gelichtete Stelle fanden, auf der die kleinen Walderdbeeren wuchsen.

Meistens waren wir zu viert: Meine Tante, Cousine Irene, meine Schwester und ich. Jede musste das Gefäß, es war eine Milchkanne tragen.

Wir verteilten uns dann auf der Lichtung, und es dauerte Stunden, bis die Milchkanne bis zum Rand voll war.

Meine Cousine, gleichaltrig, verfolgte mich auf Schritt und Tritt. Das war mir gar nicht recht, denn sie pflückte mir viele Beeren weg.

Manchmal kam es vor, dass mein Gefäß umfiel. Ein mühsames Geschäft, die winzigen, kleinen Beeren, die zum Teil auf und unter die Bl�tter auf den Boden rollten, wieder einzusammeln.

Es passierte mir mehrmals, denn mit meinem kleinen Fingerchen, ich war damals sechs Jahre alt,  konnte ich die schwere Kanne nicht ständig halten und auf dem wackeligen Waldboden verlor sie oft das Gleichgewicht.

Die Sonne brannte erbarmungslos auf diese baumlosen Plätze. Ständig musste man um sich schlagen, um nicht gar zu oft gestochen zu werden.

Mit dem Pflücken konnte ich gut mithalten. Ich hatte Adleraugen und war geschickt. Manchmal hatte ich auch das Glück, eine besonders ausgiebige Stelle zu finden. Da musste ich mich nicht für jede kleine Erdbeere extra bücken, nein,  ab und zu war gleich das Händchen gefüllt. Natürlich nahm man auch halbrote Früchte mit. Wenn nur eine Seite rot war, kam sie auch in die Kanne.

Und eine dunkelrote, dicke,  wanderte blitzschnell in den Mund.

Den ganzen Weg heimwärts, freuten wir uns auf das köstliche Mahl: Zerdrückte Erdbeeren, mit viel Zucker und Milch und dazu ein Butterbrot. Das besondere Aroma ist mir heute noch in Erinnerung.

Warum erzähle ich die Geschichte?

Nun, aus irgend einem Grund, ich weiß heute nicht mehr, was ich angestellt hatte, bekam ich keinen Zucker auf meine Erdbeeren mit Milch.  Das war schrecklich. Sie schmeckten grauslich. Ich werde es nie vergessen. Die Milch nahm die letzte Süße aus der kleinen Frucht, und ich aß meinen Matsch, der noch mit Tränen verdünnt war.

Heute nimmt mir niemand mehr den Zucker weg, und das ist gut so.

 

 

DREI DAMEN BEGRÜSSEN DEN FRÜHLING

Gibt es so etwas? Aber ja, ich habe es heute am 30. März erlebt, und es hat mir so gut gefallen, dass ich diese Begebenheit mit der Kamera fest hielt.

Mitten im Odenwald trafen wir auf einem Spaziergang drei Damen, die eine Bank am Waldrand ganz einladend gedeckt hatten. Es fehlte nichts. Alles war da, was das Herz begehrte.

Auf wen warteten diese drei Damen? Natürlich auf den Frühling, den Jüngling mit lockigem Haar. Für ihn hatten sie so einladend gedeckt.

Sie hatten sich besonders chic angezogen. Hellblau, Dunkelblau und weiß sind Lieblingfarben des Gastes. Er verwendet diese Farbe gern bei vielen Frühlingsblumen, die er so liebevoll für die Menschen zaubert, wie Hyazinthen, Primeln, Stiefmütterchen, und Leberbümchen. Der Frühling liebt kräftige Farben. Deshalb waren  die Damen auch beim Friseur. Sicher gefüllt ihm das kräftige Rot, das zarte Blond und das helle Braun.

Wann wird er eintreffen? Zum Empfang gibt es Sekt. Die Damen wollen den Jüngling, auf den sie schon so lange gewartet haben, gebührend begrüßen. Gute Laune haben sie alle drei, denn sie haben sich schon ein wenig Mut angetrunken.

Eine gelbe Tischdecke, ein Kerzenständer, alles was für Gemütlichkeit sorgt, ist vorhanden.

Was begehrt  der junge Mann? Isst er lieber Käse oder Wurst, hat er lieber weißes oder schwarzes Brot? Mag er Eier? Für alles haben die Damen gesorgt. Sollte er Vegetarier sein, dann kann er sich an Weintrauben, Erdbeeren und Kiwi laben.

Ist er ein Kaffeetrinker? Natürlich haben die Damen auch daran gedacht. Kaffeetassen stehen bereit, liebevoll liegt auf der Untertasse ein Marienkäfer aus Schokolade. Das wird doch dem Frühling gefallen. Schließlich isst das Auge mit. Milch und Zucker gibt es auch. Hörnchen gefällig oder lieber ein anderes süßes Gebäck?

Vielleicht trägt ihm eine der Damen das obige Gedicht vor. Es wird ihm sicherlich gefallen.

Ich wünsche den Damen, dass der Jüngling mit dem schönen Namen: Frühling mindestens genau so nett ist, wie sie selbst sind und dass er ihnen nicht nur an diesem Nachmittag Freude bereitet, sondern drei Monate lang und sich von seiner besten Seite zeigt.

 

 

 

EINBLICK INS PARADIES

So nenne ich den paradiesischen Ort in Stadtsteinach. Es ist das Haus "Lindenhof SALEM" in einer wunderschönen Umgebung gelegen. Was diesen Ort auszeichnet ist die wohltuende Ruhe, die der Mensch nur noch an wenigen Orten findet.

Die Fahrt dorthin war mit einigen Schwierigkeiten versehen.

Karl, ein älterer Herr von 86 Jahren, hatte alles bis ins kleinste geplant. Er packte seine sieben Sachen mehrmals um. Schließlich entschloss er sich, zwei Tragtaschen zu nehmen. Er durfte einen Arm nicht belasten, denn schon einmal hatte er ihn beim Tragen von zehn Kilo Töpferton überbelastet. Ein schmerzhafter Muskelfaseranriss war die Folge.

Und gerade diesmal löste das Tragen der Tasche wieder Schmerzen und ein Taubheitsgefühl aus. Schade! Das war kein schöner Reisebeginn.

Ich begleitete ihn und traf ihn am Hauptbahnhof. Zum Glück hatte ich einen Koffer mit Rollen dabei. So konnte ich ihm ein Gepäckstück abnehmen. Die Platzkarten im Zug erwiesen sich als Segen, wenn es auch in dem Sechserabteil eng war. Vor der Stadt Lohr blieb der Zug stehen. Laut Durchsage sollte es in dreißig Minuten wieder weiter gehen. Es wurden hundert daraus. So waren einige Anschlusszüge fort. "Auch nicht schlimm, Hauptsache, wir haben am Abend ein Bett", so meine Einstellung. Und so war es dann auch.

Karl nahm das Zimmer in rosa, er brauchte ein verstellbares Kopfteil am Bett. Ich nahm das andere, auch nicht schlecht, obwohl mir rosa besser gefallen hätte.

Gleich anfangs zeigte er mir im langen Flur ein kleines Schränkchen. Was lag darauf? Lustig. Er kannte es schon von seinem Besuch im Vorjahr.

Es handelte sich um eine Damenunterhose aus alter Zeit. Sehr züchtig, denke ich, und schon stelle ich mir einen Tanga vor, den manche Mädchen in der heutigen Zeit tragen. Was würde meine Großmutter dazu sagen? Ich sehe ihr entrüstetes Gesicht vor mir und ihr Kopfschütteln. Ja, so haben sich die Zeiten geändert. War es früher besser oder heute? Der Leser soll selbst urteilen.

Das Frühstücksbuffett ein Gedicht. Was für eine Vielfalt hat der Herrgott für uns Menschen bereitet. Schon allein die verschiedenen Brotsorten luden zum Probieren ein. Alles eine gesunde Vollkornkost.

Anschließend lädt ein kleiner Spaziergang zum Wassertreten ein. Ein Gesundbrunnen, der nicht nur Erfrischung gibt, so unsere Feststellung. Dort zog es uns jeden Tag hin.
Man konnte die Arme in ein Becken legen, das ständig mit Quellwasser erneuert wird.

Karl probierte es mit seinem angeschlagenen Arm, und es tat gut. Der wurde von Stunde zu Stunde besser. Schon allein der Glaube an die Heilkraft des Wassers bewirkt Wunder. War es das Quellwasser oder auch nur die empfundene Freude?

Jetzt noch ein Schluck getrunken, das kann nicht schaden. Also auch Heilung von innen. Und zu guter Letzt kamen auch noch die Füße dran. Mehrmals wurden im Tretbecken Runden gedreht. Das war Erfrischung für den ganzen Tag. Eine Wohltat.

Dann ging es zum angrenzenden Teich. Karpfen begrüßten uns neugierig, in dem sie das große, runde Maul aufrissen. Oder sangen sie uns ein Lied? Der Text musste mit "O" angefangen haben. Oder?

Eine rote Katze schlich um unsere Beine und interessierte sich auch für die Karpfen. Doch es blieb nur beim Anschauen.

Vögel sangen ringsumher. Manche saßen auf dem Kirschbaum, dessen Früchte schon überreif waren. Auch für uns standen einmal welche auf dem Frühstückstisch. Dunkelrot und zuckersüß. Sie ließen also noch ein paar für uns Menschen �brig.

Kleine Walderdbeeren wanderten in meinen Mund. Das Pflücken erinnerte mich an meine Kindheit. Wie mühsam war es, eine Milchkanne voll zu pflücken. Daheim wurden sie mit Zucker und Milch gegessen, ich kann mir heute noch den herrlichen Geschmack vorstellen.

Was mir noch in diesem Paradies auffiel, war die Freundlichkeit der Menschen.

Selbst Leute mit Krücken waren nicht verbittert und wussten Positives zu erzählen. Es wurde viel gelacht an diesem schönen Platz. Karl sorgte in reichlichem Maß dafür. Ich glaube, alle Anwesenden werden noch lange an die unbeschwerten, schönen Stunden denken.

Die Damen, die engelsgleich für einen reibungslosen Ablauf beim Essen sorgten, werden hier auch noch erwähnt. Zwar haben sie keine Flügel, aber ich kann mir denken, dass sie durch ihre liebe Art manchem Menschen gut tun. Habe ich übertrieben?

An der Terrasse blüht der Jasmin und betört mit seinem Duft. Auch die Lindenblüten, die gerade aufgehen, wetteifern miteinander. Wer wird gewinnen?

Das Paradies ist riesengroß. Ein zweistündiger Spaziergang durch die Felder erfreuten das Auge und die Sinne. Wie schön hat Gott alles für uns gemacht.

Eigentlich könnte das Paradies überall sein, wenn die Menschen den Geist des Friedens in sich tragen würden, den Geist, der alles zum Schwingen bringt.

Möge es in dieser Oase weiter so sein, damit noch viele Menschen einen Einblick ins Paradies bekommen und gestärkt von dannen ziehen.

 

 

NICHT NUR ZUM MUTTERTAG

Wattinchen zählte knapp drei Jahre, als ihre Mutter starb. Trotzdem kann sie sich noch an eine bestimmte Begebenheit erinnern.

Sie wohnte damals in Steyrermühl, einem Ort, der eigentlich nur wegen seiner Papierfabrik bekannt war.

Dort arbeitete auch ihr Vater. Doch eine Erinnerung an die damalige Wohnung hat sie nicht mehr.

Ganz in der Nähe der Fabrik war eine kleine Kapelle, in dem die Toten aufgebahrt wurden. Von dort ging der Leichenzug zum drei Kilometer entfernten Friedhof.

Wattinchen bekam sehr schnell heraus, dass in dieser kleinen Kapelle ihre Mutter aufgebahrt lag. Sie ging alleine dorthin, denn die Fabrikwohnung, in der sie wohnten, war nur einige Meter davon entfernt.

Dort setzte sie sich hin und betrachtete die Mutter und blieb lange bei ihr. Niemand vermisste sie.

Auch nächsten Tag ging sie wieder hin. Sie fand nichts dabei. Die Mutter lag schlafend da.

Wattinchen verstand nicht, was der Tod der Mutter für sie bedeutete. Deswegen weinte sie auch nicht.....

GOTT ist sehr gnädig, denn Wattinchen hatte keine Furcht vor ihrer toten Mutter. Sie fühlte, dass etwas nicht stimmte. Sie schaute sie nur an.

Heute kann sie sich denken, dass keiner von diesem Besuch bei der toten Mutter etwas wusste, denn am Beerdigungstag nahm man sie nicht mit. Sie sollte nichts davon wissen.

Das Bild ihrer lieben Mutter trägt Wattinchen tief in ihrem Herzen. Es war nicht schlimm oder grausam, wie manche Erwachsene es sehen. Sie ist froh darüber, dass sie die Mutter damals so sehen konnte, denn sie spürte, dass es ein Abschied war.

Wattinchen durfte dann später mit Oma auf den Friedhof.

Dort sah sie ein Bild ihrer Mutter auf einer Porzellanplatte eingebrannt.

Manchmal war das Grab schon im November mit Schnee bedeckt.

Fünfzig Jahre später wurde der Grabstein erneuert.

Die alte, verwitterte Porzellanplatte nahm Wattinchen mit nach Hause.

Sie hängte sie an die Wand. So ist eine kleine Gedenkstätte entstanden, an die Wattinchen immer frische Blumen stellen kann.

Wattinchen denkt so das ganze Jahr an ihre Mutter, und nicht nur zum Muttertag.

In ihrer Jugend lernte sie das Gedicht:

Wenn Du noch eine Mutter hast,
so danke Gott und sei zufrieden.
Nicht allen auf dem Erdenrund
Ist dieses hohe Glück beschieden.....


auswendig. Dieses Gedicht kann sie heute noch. Viele ältere Leser werden es noch kennen.


 

 

GERÄUSCH IN DER NACHT

 

Wenn ich im Bett lag und einschlafen wollte, hörte ich ein Geräusch. Es war nicht laut, aber es hinderte mich am Einschlafen. Ich zog die Bettdecke höher, nun würde es klappen. Aber dann lauschte ich unter der Decke und hörte es wieder. Ein Summen oder ein Zirpen, ohne Pause.

Also, Licht an und auf die Suche gehen. Ich hielt mein Ohr an den Wecker, nein.

Könnte es von einer Lampe kommen? Macht die Funkuhr seit neuestem Geräusche? Ist eine Fliege auf den Rücken gefallen und summt um ihr Leben?

 

Ich zog den Rolladen hoch und blickte in die finstere Nacht. Vielleicht ist es der Bewegungsmelder.

Ich will es wissen.

Im Nachthemd gehe ich nach draußen. Ohne Licht zu machen, laufe ich durch den Garten und lausche. Schließlich soll niemand erschrecken und eventuell an Nachtgespenster glauben, wenn er mich im langen Nachthemd zu so später Stunde über den Rasen schreiten sieht.

Wann wird es leiser, wann ist es lauter? Es ist ein Zirpen ohne Pause.

Ich laufe bis zum Zaun des Nachbarn. Dort wird es etwas leiser. Also kann es nicht von ihm kommen. Das wäre also geklärt.

Ich gehe wieder Richtung Haus, höre nach oben, strecke mich. Die Lautstärke nimmt etwas zu. Täuschung? Dann lausche ich am Boden. Ich kann den Störenfried nicht einkreisen.

Es wird mir kalt. Zurück ins Schlafzimmer, Rollladen runter, und ab ins Bett.

Das Zirpen geht weiter.

Irgendwann schlafe ich dann doch ein.

Ich hatte es vergessen, aber am nächsten Abend wiederholte sich das gleiche Spiel.

Es muss eine Grille sein. Am Tage war Ruhe, vielleicht aber auch war sie nicht zu hören, da genügend andere Geräusche vorhanden sind.

Aber nachts fängt sie an zu singen, und wie laut.

Ich werde was unternehmen.

Gegen 23 Uhr spritze ich mit dem Gartenschlauch Richtung Nachbargarten. Dort blüht zur Zeit der Schmetterlingsstrauch und hängt mit einem Ast über das Garagendach. Ja, von dort kommt das Piepsen, oder wie ich es nennen soll.

Ich stelle den Strahl stärker. Das Spritzgeräusch ist laut. Ich drehe die Spritzdüse zu, und o Wunder. Es ist mäuschenstill geworden.

Freude auf meiner Seite. Jetzt habe ich sie verjagt. Endlich ist es still. Heute werde ich gut schlafen.

Doch im Bett kommen Gedanken hoch. Hoffentlich ist der Grille nichts passiert. Habe ich sie aus ihrer Wohnung vertrieben? Ist sie womöglich tödlich getroffen worden?

Am nächsten Abend lausche ich und war fast erfreut, sie wieder zu hören. Diesmal kommt mir ihre Stimme eine Oktav tiefer vor. Vielleicht hat sie sich bei meinem Wasserbad verkühlt und einen rauen Hals bekommen. Wenn ich könnte, würde ich ihr einen kleinen Schal stricken oder ein kleines Regencape nähen, damit ihr mein unfreiwilliges Bad nicht gar so unangenehm ist.

Ich will es noch einmal wissen und spritze wieder in Richtung Garagendach. Gleich wieder Ruhe. Also ihre Wohnung kenne ich nun.

Ich habe mir vorgenommen, die kleine Grille nicht mehr zu verjagen. Schließlich kann ich mich an ihren Gesang gewöhnen. Ich muss mir nur vorstellen, dass sie mich in den Schlaf singen will.

Und vielleicht hört sie ja ganz von alleine auf, wenn es draußen kälter wird.

Aber dann wird sie mir möglicherweise fehlen.

 

 

 

ACH, GEHT'S MIR GUT

Ich höre mich öfters sagen:  "Ach, geht's mir gut."

Meine Schwester, die in Österreich wohnt, lacht schon immer über mich, wenn ich diesen Satz im Urlaub sage. Und wenn ich ihn einmal vergessen habe, erinnert sie mich daran.

Ja, ich habe es wirklich gut. Seit ich nicht mehr arbeite, ist ein Druck von mir abgefallen. Das  "Muss", auch wenn es einem mal schlecht geht, erzeugt Stress, der nun wie weggeblasen ist.

Ich gestalte den Tag, wie es mir mein Inneres sagt.

Ist es draußen schön, fahre ich mit dem Rad durch die Gegend, zum Einkaufen oder mache Station bei meinem Sohn, der sich immer freut, wenn ich auftauche. Auch meine liebe Schwiegertochter ruft laut: "He Mami," und ich höre am Klang ihrer Stimme, dass ich ihr nicht auf den Wecker falle.

Ich gehe dann wie ein guter Geist in den Garten. Dort ist immer etwas für mich zu tun, und ich fahre zufrieden wieder nach Hause, denn körperliche Arbeit entspannt und gibt eine innere Zufriedenheit. Außerdem danken es mir die schönen Blumen. Zur Zeit blühen die Dahlien prächtig und grüßen mich bei meiner Ankunft.

Ich kann mich gut alleine beschäftigen.

Der Computer ist ein täglicher Freund geworden. Meine Homepage erfordert  immer wieder neue Ideen, die e-mails werden schnell beantwortet. Mittlerweile habe ich viel Freunde im Internet und  die gleichen Interessen verbinden über Grenzen hinaus.

Das Fotografieren mit der Digitalkamera ist ein Hobby geworden. Fast täglich fotografiere ich verschiedene Dinge, die ich zu meinen Gedichten dazufüge und somit ein abgerundetes "eigenes Werk" ergeben.

Zur Zeit läuft die Strickphase. Im Laufe des Jahres sind mehrere Babys zur Welt gekommen, die, wenn es kühl wird, in einen Pullover oder in eine Jacke  von mir gepackt werden können.

Die Pfirsiche und Brombeeren mussten schnell verarbeitet werden. Wie? Ich kochte Kompott, füllte dieses in Schraubgläser. Es hält sich ein paar Wochen, schmeckt wunderbar, und ich habe noch etwas zu verschenken, wenn ich Besuch mache. So auch mit der Marmelade. Jeder nimmt es gern, das selbstgemachte Brombeergelee. Und wenn die Gläser noch so kunstvoll verziert werden, sehen sie besonders hübsch aus.

Doch bin ich froh, dass die Zeit vorbei ist, denn danach muss immer wieder alles geputzt werden. Jeder, der sich auskennt, weiß wovon ich spreche.

Ach, geht's mir gut.

Im Mai kaufte ich mir eine Dauerkarte für das Waldschwimmbad. Es ist in meiner Nähe, ich kann es in fünf Minuten mit dem Rad erreichen.

Nun ist die Saison zu Ende. Es war eine schöne Zeit. Fast täglich war ich vormittags eine halbe Stunde schwimmen. Man kannte die Leute schon nach einer Woche, und im Laufe der Zeit wurden Kochrezepte ausgetauscht, Neuigkeiten erzählt und Pfirsiche verschenkt. Dafür bekam ich wieder Zierkürbisse und eine Zucchini. So fand ein reger Tausch statt. Es machte Spaß. Mit einigen bekannten Frauen trank ich danach meist einen Kaffee. Der schmeckte herrlich so frisch gebrüht. Und manchmal tat das Aufwärmen gut, denn ich ging bei fast jedem Wetter..........

Wenn ich auf irgend etwas Appetit habe, so kaufe ich es. Ich muss nicht sparen, tue es aber doch meistens, denn das steckt drinnen.

Das beobachte ich an mir und lächle über mich. Ich esse alte Brötchen, schließlich habe ich ja auch Zähne dazu.

Wenn ich einen Hasen hätte, würde er das harte Brot bekommen. So kenne ich es aus meiner Kindheit.

Aber meine Katze Tini will das nicht. Sie wird von mir verwöhnt, bekommt immer unterschiedliche Dosen Katzenfutter, denn oft verweigert sie das billige.

Eine kleine Feinschmeckerin, aber lieb.

Ich könnte mir auch Blumen kaufen. Das mache ich sehr selten. Heute holte ich aus dem Abfallkorb eines Einkaufszentrums mehrere Rosenstöcke im Topf nach Hause. Sie sahen wirklich jämmerlich aus, ich werde sie wieder hochpäppeln und mich daran erfreuen, wenn sie sich erholen.

Wenn ich mittags müde bin und das Wetter so danach ist, kann ich mich hinlegen. Ach geht's mir gut.

Auch mein Vogel soll es gut haben. Er bekommt öfters eine Eierschachtel in seinen Käfig gehängt. Danach ist er stundenlang beschäftigt, schneidet ein Zentimeter lange Streifen und kleidet damit seinen Nistkasten aus. Er liebt auch frische Äste vom Apfelbaum. Geschickt schält er die Rinde ab, legt Teile davon in sein Wasser, das sich dann braun färbt. Warum er das macht, weiß ich nicht, vielleicht liebt er den Apfelrindengeschmack und stellt sich so eine Art Tee her.

Wahrscheinlich hat er mich schon oft Tee trinken sehen......

Ich muss sein Gebräu  ja nicht trinken.

 

Ach geht's mir gut.

Das ist eine innere Zufriedenheit, und ich bin froh darüber, dass ich mich über kleine Dinge so freuen kann.

                                                   

 

GROSSE ERNTE

 

Die Pfirsichbäume waren in diesem Jahr zum Brechen voll. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Sie wurden teilweise gestützt. Trotzdem sind einige kräftige Äste abgebrochen. Doch die Früchte reiften nach. Sie wurden zwar nicht so dick wie die übrigen, die noch vollen Saft vom Stamm bekamen, aber zum Wegwerfen waren sie viel zu schade.

Was mache ich nun mit all diesen Pfirsichen?

Marmelade kochen, Pfirsichkompott, teilweise roh essen.

Irgendwann hat man dann aber auch genug.

Der Wind fegte viele vom Baum herunter. Doch dadurch wurden sie angeschlagen und begannen zu faulen.

Also pflücken ist das Beste und verschenken. Doch wem?

Im Schwimmbad traf ich täglich mehrere Frauen, und ich beschloss einen Korb voll mitzunehmen. Diesmal musste ich mit dem Auto fahren, denn mit meinem Fahrrad war das nicht zu bewältigen.

Ich packte mehrere kleine Plastikbehälter ein, steckte noch ein paar Plastiktüten dazu, und so fing ich an, die Früchte zu verschenken.

Natürlich konnte ich nur die gepflückten verschenken, die angeschlagenen behielt ich für mich. Ich musste sie gleich noch am selben Tage verarbeiten, denn diese Weichfrucht hält nicht lange.

Die Frauen freuten sich und brachten mir nächsten Tag eine Zucchini und Zierkürbisse mit. "Lieb von ihnen", dachte ich. Es war wie ein Tausch.

Eine der Frauen erzählte mir, dass ihr Mann ganz begeistert von den Pfirsichen war. "Die schmecken wirklich noch nach Pfirsichen, nicht wie die vom Supermarkt," so seine Feststellung.

Ein Kompliment? Nun, einfach nur die Feststellung, dass meine Pfirsiche am Baum ausgereift waren.

Nächsten Tag pflückte ich wieder eine Menge. Mein Fahrrad mit zwei Tragkörben war vollgepackt. Ich hatte sie in zwei Kartons und einem Plastikkorb verstaut. In einem waren die gepflückten, im anderen die etwas gedrückten.

Ich fuhr langsam den Feldweg entlang und wich den Schlagl�chern aus. Schlie�lich sollten nicht alle eine Delle bekommen.

Auf halbem Wege traf ich eine junge Frau mit vielen kleinen Kindern. Die Frau trug ein Kopftuch, die Kinder hatten alle dunkle, dichte Haare und dunkelbraune Knopfaugen. Die Mädchen sahen besonders hübsch in ihren bunten Kleidern aus.

Nun schoss es mir blitzschnell durch den Kopf: "Die hätten vielleicht Verwendung für die vielen Früchte".

Ich gab der Frau den Karton mit den gepflückten Pfirsichen. Die Frau verstand deutsch. Ich wollte ihr noch erklären, was sie alles damit anfangen könne. Doch sie winkte ab und sagte nur: "Die Kinder essen die alle auf." Und schon griffen sie in den Karton, der sich auf Mamas Armen befand.

Nun hatte ich noch die angeschlagenen und den kleinen Plastikkorb mit fehlerfreien.

Als ich mein Fahrrad zu Hause abstellte, sah ich die Nachbarin im Garten. "Wollen sie Pfirsiche haben?", fragte ich und reichte ihr gleich den kleinen Korb mit den verlockenden Früchten über den Zaun.

Sie lächelte und fragte mich: "Was kann man damit machen?" Ich erklärte ihr, wie man die Frächte häuten und ganz leckeres Pfirsichkompott kochen kann.

"Und außerdem schmecken sie auch roh sehr gut", so mein Kommentar.

Ihre Tochter, die das beobachtete kam hinzu und die Mutter wollte ihr einen Pfirsich anbieten. Doch sie lehnte ab und sagte: "Ich will lieber einen Apfel."

"Ah, ja", dachte ich und ging in mein Haus.

Einen Tag später fuhr ich wieder den gleichen Feldweg. Diesmal traf ich eine Frau mit Kopftuch, sie war aber älter als jene Frau, der ich die Pfirsiche geschenkt habe. Sie winkte mir mit erhobenem Arm zu und lächelte. Ich grüßte auch freundlich zurück und dachte im stillen: "Sie hat scheinbar erfahren, dass ich die Frau war, die den Kindern die Pfirsiche geschenkt hat."

Und Freude zog in mein Herz.

 

  

 

TINE UND TINCHEN

 

Tine heißt eigentlich Christine und sie ist eine ältere Frau, die mit ihrer Katze Tini, Schmusename: Tinchen,  ganz allein in einem alten Haus wohnt. In diesem Jahr feiern sie wieder gemeinsam das Weihnachtsfest. Beide gewöhnten sich im Laufe der Zeit aneinander. Im Frühjahr gesellte sich noch Kater Wusel zu dieser Gemeinschaft. Er wohnt eigentlich im Haus nebenan, aber er verbringt fast den ganzen Tag bei seiner Pflegemutter Tine. Sie ist mehr zu Hause als seine Leute, und Katzen wollen eben Gesellschaft. Aber nicht nur Katzen.

Wenn Tine früh gegen sieben aufsteht, wartet Kater Wusel schon ungeduldig vor der Haustür. Er muss so lange warten, bis Tini, das Katzenmädchen gefressen hat. Schließlich hat sie ältere Rechte als der Besucher.

Dann geht Tini ins Schlafzimmer und rollt sich auf ihrer Decke zusammen, während Kater Wusel mit großem Appetit sein Frühstück verdrückt. Ob es das erste ist, weiß Tine nicht. Vielleicht hat er schon zu Hause gefressen, denn Tine schickt ihn abends heim. Manchmal kommt er nicht mehr in sein Haus, da muss er die Nacht draußen verbringen, und so kann es vorkommen, dass er schon gegen sechs Uhr jämmerlich am Schlafzimmerfenster miaut. Zum Glück ist es zur Zeit noch mehrere Grad über Null.

Tini hat es da viel besser. Sie kann kommen und gehen, wann sie will. Am Hals trägt sie einen Magneten, der ihr die Katzenklappe nach Belieben öffnet. Ein großes Vorrecht.

Wenn Tine frühstückt, dann ist sie nicht alleine. Kater Wusel setzt sich neben sie an den Tisch. Er wartet stets auf ein kleines Stück Butter, das er Tine liebevoll vom Finger schleckt. Eigentlich möchte er noch mehr, aber Tine will ihn nicht mästen, schließlich wiegt er schon sieben Kilo, und das ist für eine Katze viel.

Danach legt sich Kater Wusel auf den Ledersessel, der am Computer steht. Man sieht ihn kaum liegen, denn er ist genau so schwarz wie der Sessel.

Tine setzt sich vorne an den Rand, wenn sie am Computer sitzt, während Kater Wusel ihr das Hinterteil wärmt. Er denkt nicht daran, diesen gemütlichen Platz aufzugeben.

Tinis Lieblingsplatz ist der Vogelkäfig. Dort liegt sie oft stundenlang und schaut dem Treiben des kleinen, bunten Vogels zu. Manchmal sind sie nur einige Zentimeter durch die Gitterstäbe getrennt. Tini steckte schon öfter ihre schmale Pfote durch, um den Vogel zu berühren. Doch sie zieht sie dann wieder schnell zurück. Vielleicht hat der schlaue Vogel mit seinem starken Schnabel schon einmal nach ihr gepickt? Meistens wird sie vom vielen Beobachten müde und schläft selig ein, während unter ihr reges Treiben herrscht. Damit es schön weich ist, legte Tine ein Kissen auf den Vogelkäfig.

 

Tini schläft nachts bei Tine. Manchmal kommt es vor, dass Tini schon sehr früh Hunger hat. Was macht sie da? Sie weckt Tine, in dem sie um ihren Kopf streift und sie mit ihrem kalten Näschen mehrmals anschubst. Das ist aber nicht alles. Tini hat heraus gefunden, wie sie das Radio anstellen kann. Es ist ein Gerät, welches die Bedienungstasten auf der Oberseite hat. So kann Tini mit ihren geschickten Pfoten an- und ausmachen. Sie hat es sich gemerkt, dass Tine vor dem Aufstehen immer das Radio anschaltet. Dadurch kam sie vielleicht auf die Idee, durch ihr Anschalten Tine zu bewegen, schneller aufzustehen. Und sie hatte Erfolg.

Tine wankt nach draußen, füllt Tinis Schüssel mit Futter und schlüpft danach wieder ins warme Bett. Nach kurzer Zeit legt sich auch Tini  wieder zu ihren Füßen, satt und zufrieden schläft sie dann wie ein Baby ein.

Beim ersten Mal hatte Tine gemeint, es sei ein Zufall, dass Tini das Radio einschaltete. Doch so viel Zufälle gibt es gar nicht. Mittlerweile macht sie es ganz gezielt und schafft es sogar einzuschalten, obwohl Tine einen dicken Kalender auf das Radio gelegt hat, um ihr das Einschalten zu erschweren. Aber gefehlt. Tini ist schlau, schlauer als Tine.

 

 

 

DIE MOLKE-KUR

 

Ich dachte eigentlich nicht ernstlich daran, den zufälligen Hinweis des Arztes zu befolgen.

Der Arzt erwähnte, dass eine Molkekur,  er nannte sie Käsemolke, diese 21 Tage getrunken, nach amerikanischen Wissenschaftlern, den Cholesterinspiegel unter 100 brächte, und das wiederum wäre für mich von Vorteil. Außerdem meinte er, dass sich sogar das Cholesterin in den Adern abbauen würde. Er selbst habe sie auch schon mal eine Zeitlang getrunken, um abzunehmen.

Die Sprechstundenhilfe, die das zufällig mit anhörte, sprach etwas dagegen, allerdings ohne Beisein des Arztes. Sie meinte, der Arzt würde es nur den Übergewichtigen Damen raten, aber bei mir sehe sie keine Notwendigkeit. Ich hätte ja noch weniger Gewicht als sie selbst. Dann schilderte sie mir noch den unguten Geschmack dieser Molke, und wir kicherten etwas darüber.

Doch der Gedanke arbeitete in mir. Soll ich es versuchen? Vielleicht wäre es gut für mich.

Ich fand jedoch nicht gleich die Lust dazu, denn ich konnte mir schon vorstellen, was die Entscheidung dazu bedeutet.

Im Reformhaus kaufte ich mir zum Probieren eine Packung und fand sie nicht so unangenehm, wie sie geschildert wurde. Freilich schmeckte sie sehr säuerlich, war weder Butter- noch Sauermilch.

Eben Käse-Molke.

Dann ließ ich wieder eine Zeit verstreichen. Wann hätte ich die Kraft dazu? Ich stellte mir vor, dass ich es alleine in meiner Wohnung nicht schaffen würde. Da könnte man ja durchdrehen!

Nun ergab sich eine Einladung bei einer Bekannten in der Faschingswoche.

Meine Bekannte war begeistert. Sie wollte sogar die Kur mitmachen, um abzunehmen.

Am Freitag vor meiner Abfahrt, kaufte ich mir noch ein halbes Hähnchen, kochte mir Kartoffel, und aß selbstgemachte rote Rüben dazu. Das schmeckte mir hervorragend, war es doch die letzte Mahlzeit für eine lange Zeit.

Ich kaufte also eine ganze Kiste Käsemolke, die ich gut im Auto transportieren konnte, und meine Bekannte  amüsierte sich, als sie die vielen Tüten sah.

Am nächsten Morgen begannen wir mit der Kur.

Dazu gab es eine Thermosflasche Gesundheitstee. Wir kauften einen Kasten Wasser mit wenig Kohlensäure, und so waren wir für die nächste Woche gerüstet.

Ein schlimmes Hungergefühl stellte sich nicht ein, denn durch das ständige schluckweise Trinken der Molke, hatte man immer etwas zu tun und sicherlich auch der Magen.

Meine Bekannte trank mit, aß aber Knäckebrot mit Wurst oder Marmelade, aß Äpfel und Orangen und immer ein hartes Ei dazu. Außerdem trank sie lieber ihren geliebten Kaffee. Der Tee schmeckte mir nicht, doch ich trank ihn.

Was blieb mir übrig? Der Arzt erwähnte extra, keinen Kaffee oder schwarzen Tee zu trinken. Und ich wollte mich daran halten!

Die Tochter meiner Bekannten aß in unserem Beisein gleich vier Nutella Toasts auf einmal, machte sich ein riesengroßes Salami-Weißbrot und aß mit viel Appetit.

Ich hatte in meinem Koffer genügend Handtücher, denn ich wusste aus der Kur, dass bei solchen Diäten ein Leberwickel wichtig sei.

Natürlich wollte ich bei meiner Bekannten keine Umstände machen.

So wickelte ich mir, wenn sie kurz weg war, ein Tuch um den Leib. Es war allerdings nur noch lauwarm, bis es auf die Haut kam.

Ich lief ständig in Wollsocken herum. Doch auch diese halfen oft nicht, ein warmes Gefühl zu bekommen.

Einmal gab mir meine Bekannte einen Behälter mit heißem Wasser zum Erwärmen der Füße. Das tat mir gut.

Ich ging oft alleine spazieren, und das war eine willkommene Abwechslung. Zwar war der Wind eisig, aber ich zog meine schwarze Kapuze über den Kopf, und dann machte mir der Weg Spaß. Leute traf ich fast keine. Es war ein recht zugiger Weg durchs Feld.

Gegen Abend spielten wir meistens Kanaster. Der Fernseher lief nebenbei, und so wanderte mein Blick ständig zwischen Karten und Bildschirm. Ich hatte einen Platz, an dem ich gut das Geschehen auf der Flimmerkiste verfolgen konnte. Zwar wurde ich vom Spielgeschehen enorm abgelenkt. So verlor ich jedes Mal, aber das machte mir nichts aus.

Die Teetasse oder das Molkegetränk standen in meiner Reichweite, und so verging ein Tag nach dem anderen.

Am Dienstag Abend war die erste Faschingsveranstaltung, an der ich in diesem Jahr teilnahm. Das war eigentlich der wahre Grund der Einladung meiner Bekannten, denn sie wollte mich mal miterleben lassen, wie bei ihnen Fasching abläuft. Sie war mehrmals auf der Bühne, und sie genoss ihren Auftritt.

Leider konnte ich nur wieder Wasser trinken. An dem einen Abend trank ich 2 Flaschen, denn das Programm ging über 5 Stunden. Ich war dann froh, als es beendet war.

Eine Dame, die mir gegenüber saß, fragte mich, ob ich nichts essen wolle, denn man konnte sich Fischkäse- oder Lachsbrötchen bestellen oder eine heiße Wurst. Ich verneinte höflich, sagte jedoch nicht den Grund, denn sonst hätte es ein längeres Gespräch gegeben.

Freilich hätte ich für mein Leben gerne was gegessen. Ich schaute schon manchmal sehnsüchtig nach den belegten Brötchen, und in eine heiße Wurst hätte ich am liebsten gierig gebissen.

Doch ich blieb standhaft.

Dann kam der Sonntag und somit der Abreisetag. Ich hatte am Samstag Abend schon alles gepackt. Ich freute mich schon sehr auf das "Zuhause". Dort konnte ich nach Herzenslust meine Fußbäder und Leberwickel machen. Es war ein wunderschönes Gefühl, Richtung Heimat zu fahren.

Zum Glück hatte ich in der Wohnung die Heizung angelassen, und so war es gemütlich, als ich nach Hause kam. Wieder zu Hause: Lieber Gott, ich danke Dir.

Nun war die  Hälfte der Kur-Zeit vorbei.

Daheim vertrieb ich mir die Zeit mit Briefeschreiben und Spazierengehen.

Der Arzt war mit meinem Zustand sehr zufrieden. Ich soll jede Woche einmal bei ihm erscheinen, damit er sich ein Bild machen kann. Er riet mir, weiterhin durchzuhalten. Ich könne jederzeit zu ihm kommen, wenn ich Unterstützung brauche.

Heute mein 13. Molke-Diät-Tag.

Drei Wochen können einem wie eine Ewigkeit vorkommen.

Am Ende von 12 Hungertagen brachte ich noch 60 kg auf die Waage. Meine Figur war eigentlich momentan meine Freude an der ganzen Sache. Ob die Ross-Kur gesundheitlich was gebracht hat, wird sich weisen.

Am Rosenmontag ging ich zum Friseur. Ich konnte mich mit den abstehenden Haaren nicht mehr sehen.

Er schnitt sie recht hübsch und legte mir einige Locken. Jetzt gefiel ich mir wieder besser.

Die letzten Tage waren nicht anders als die ersten. Es war eigentlich immer das gleiche Gefühl. Ich ging abends früh ins Bett, damit ich die Zeit besser verging.

Am 19. Tag an einem Mittwoch, ging ich in die Sauna. Das war eine willkommene Abwechslung.

Nächsten Tag wurde ich kreativ. Ich malte ein Bild mit Wasserfarben: Sonnenblumen. Und das gelang. Scheinbar hatte die Hungerkur auch etwas Gutes.

Es ging in die Endphase.

Die 21 Tage waren wie eine Ewigkeit.

Am Samstag durfte ich wieder essen. Ich kochte mir früh eine Dinkelsuppe mit einem geriebenen, rohen Apfel, eine Köstlichkeit. Lieber Gott, ich danke Dir, dass ich diese Zeit durchgehalten habe.

Der Arzt lobte mich sehr und war mit meinen Werten zufrieden.

Doch  wie werden sie sein, wenn ich wieder normal esse?

Es war eine sehr harte Zeit, aber auch die ist eine Bereicherung in meinem Leben gewesen.

 

 

EIN ZIMMER, KÜCHE, BAD...

Was brauche ich mehr?

1.Teil

 

Zur Zeit wohne ich in einer 2 Zimmerwohnung mit Küche und Bad in einem Haus mit Garten zur Miete. Ich kann mich dort frei entfalten, kann im Garten pflanzen, was mir Spaß macht, kann schalten und walten, wie mir beliebt, muss mich aber auch um alles kümmern, wie Straße reinigen und Schneekehren....

Und schließlich wird man ja nicht jünger.

So trage ich mich mit dem Gedanken,  in meine Einzimmerwohnung mit  Küchenzeile und Bad zu ziehen und damit  zufrieden zu sein.

Was brauche ich mehr?

Eine Schrankwand mit einem Bettkasten, einen Stuhl, einen Tisch, eine kleine Couch und natürlich meinen Computer, das Fenster zur Welt.

Eine kleine Wohnung hat einige Vorteile, aber auch Nachteile wie jedes Ding im Leben.

Und die wäge ich momentan ab.

Alles fing damit an, dass der Mieter aus meiner kleinen Eigentumswohnung Ende des Jahres auszog. Es stellte sich heraus, dass er ein starker Raucher war. Tagelanges Lüften brachte keine Besserung.

Die Wohnung musste komplett renoviert werden.

Als erstes war der Rolladen kaputt. Der Gurt hing schlaff herunter, nichts ließ sich mehr bewegen.

Der Wasserhahn am Waschbecken tropfte ohne Unterlass, Der Duschschlauch war mit Tesafilm zusammengehalten und die Klobrille kam mir beim Hochklappen fast entgegen. Das alles musste ersetzt werden.

Beim genauen Hinsehen konnte ich auf den Platten im Bad eine braune Färbung erkennen, die bis zur Decke ging.

Oje, das bedeutete tagelang Nikotin entfernen.

Der Mieter ließ mit freundlicherweise ein Zweisitzer - Sofa zurück, das mir gefiel.

Ich legte meinen Anorak darauf und nach kurzer Zeit roch er, als ob ich stundenlang in einer Kneipe gesessen hätte. Kein Problem, dachte ich. Es gibt ja FEBREZE. Also einsprühen und abwarten.  Mehrmals wiederholen, um den Nikotingeruch  zu vertreiben. Kurz gelang es, aber bis jetzt hat noch das Nikotin gewonnen. Ich mache weiter.

 

Die Küche war das nächste Problem. Der Kühlschrank musste erneuert werden. Die Dichtungen waren hart und bräunlich gefärbt und mit nichts mehr zu reinigen.

Die Küchenzeile müsste mit dem Wundermittel Aktiv Stein wieder sauber werden.

Die Schrankinnenwände, alles hatte Nikotinspuren.

Auf den Schränken ging ich mit einem Industriestaubsauger zu Werke, der die dicken Staubflocken einsog. Anschließend wurde der Nikotin- und Fettfilm entfernt.

Ich packte das ganze Geschirr zwecks gründlicher Reinigung in die Spülmaschine bei mir zu Hause. Das gleiche tat ich auch mit der Bett-und Tischwäsche, um dem Geruch Herr zu werden.

Auch am Spülbecken war der Wasserhahn undicht und nässte bei jedem Aufdrehen die Arbeitsplatte.

Der Herd samt Backröhre könnte mit stundenlangem Reiben mit einem Spezial Pflegemittel wieder brauchbar gemacht werden.

Die Heizkörper waren gelb, alles war gelb, wenn man mit einem nassen Tuch darüber wischte. Und wie sahen sie innen aus?

Mit einer Gartenspritze, dieses Mal aber nur mit Wasser gefüllt, wurde das Innenleben mit Druck durchgespült. Unten lief dann die gelbe Brühe mit schwarzen Flocken in einen Auffangbehälter.

 

Der Tapezierer weichte die Tapete auch mit dieser Spritze ein und sie ließen sich wunderbar von der Wand ziehen. Von der Decke tropfte gelber Saft....

 

Mit einer Spezialfarbe, die gleichzeitig abdichtet, wurden die Decken behandelt.

Die helle neue Raufasertapete lässt den Raum erstrahlen. Der neue Fußboden gibt der Wohnung ein sauberes Outfit.

Es waren viele fleißige Hände erforderlich, bis alles wieder in Ordnung war. Ihnen sage ich meinen herzlichsten Dank.

Durch das stundenlange Putzen habe ich mich mit der kleinen Wohnung angefreundet, da ich jeden Zentimeter nun kenne. So ist sie mir vertraut geworden und lässt den Gedanken nicht mehr aus meinem Kopf:

Ein Zimmer, Küche, Bad, was brauche ich mehr?

 

 

EIN ZIMMER, KÜCHE, BAD

was brauche ich mehr?

2. Teil 

Ich habe noch das Zimmer von meiner geliebten Oma in meiner Erinnerung.

Damals war ich 5 Jahre alt und sie war ungefähr in dem Alter wie ich es jetzt bin.

Oma wohnte im 3. Stock eines B�ckerhauses. Im Parterre war der Verkaufsladen. Es roch so gut im ganzen Treppenhaus nach frischem Brot.

Oma blieb zwischen jedem Stockwerk eine Weile stehen, bevor sie wieder treppauf ging. Sie hatte schlimme Knie. Daran kann ich mich noch gut erinnern.

 

Das Klo des Hauses befand sich im 2. Stock. Es war ein Plumpsklo aus Holz und mit einem Deckel, an dem ein Griff war, zu verschließen. Oma schnitt aus der Zeitung kleine Papierstücke, die auf einen Nagel gespießt wurden und als Klopapier dienten.

 

Ich setzte mich sehr ungern darauf, denn ich hatte immer Angst, hinein zu fallen. Krampfhaft hielt ich mich am Rand fest und war gottfroh, wenn ich wieder diesen Ort verlassen konnte.

Dann hopste ich befreit die letzten Stufen zu Omas Zimmer hoch und  wusch mir in einer Waschschüssel, die auf einer Kommode stand, die kleinen Händchen. Dabei musste ich auf einen Stuhl steigen, damit ich überhaupt ins Wasser reichen konnte.

Ich planschte sehr gerne im Wasser herum, wenn Oma mir etwas warmes Wasser dazu goss. Dann musste sie mich öfters ermahnen, mich nicht gar so nass zu machen und  die Hände abzutrocknen. Doch sie schimpfte nie und hatte mit mir unendliche Geduld. Das Seifenwasser wurde dann in einen Eimer geschüttet und musste, wenn der Eimer voll war, im Klo entsorgt werden.

Dafür war ich jedoch noch zu klein.

Omas Zimmer hatte zwei große Eisenbetten, die getrennt an der Wand standen. In einem schlief sie, das andere war für mich.

In der Mitte des Raumes stand ein großer Holztisch, natürlich ohne Tischdecke, denn er diente als Arbeitsplatte zum Bügeln, zum Wäsche zusammen falten, zum Einkochen, zum Backen, zum Geschirrspülen und natürlich auch zum Essen.

Um den Tisch standen ein paar alte Holzstühle, die meist mit Kleidern behängt waren.

Die Handtücher hingen an drei Haken an der Eingangstür.

Der alte Herd mit dem Ofenrohr ist mir noch in guter Erinnerung. Er hatte rechts seitlich einen Behälter, in dem ständig warmes Wasser war, denn dieser alte Ofen war Omas einzige Heizstelle, und das Feuer ging nur ganz selten aus.

Daneben stand der Kohleneimer und etwas Holz zum Feueranmachen oder Nachlegen.

 

Einen Meter entfernt befand sich ein Küchenschrank mit den Tellern, Tassen  und sonstigen Töpfen, und dann war noch der Kleiderschrank, der genau daneben stand.

 

Das alles sah ich ganz klar vor Augen, als ich mich mit dem Gedanken befasste, in 1 Zimmer, Küche, Bad zu ziehen.

Und ich überlege, ob dieses Appartement groß genug für mich sei.

Dabei habe ich doch viel mehr Luxus, als Oma es hatte.

Ich brauche keine Kohlen hoch schleppen, Asche herunter tragen, das Schmutzwasser entsorgen. Ich habe ein großes Badezimmer mit Toilette samt  Wasserspülung, ein Waschbecken, bei dem ich immer zwischen kalt und heiß wählen kann. Außerdem hat die Küche einen Elektroherd, einfach aufdrehen und schon kann gekocht werden.

Ein Kühlschrank sorgt dafür, dass nichts verdirbt. Sogar ein Eisfach ist vorhanden, in dem ich Gefriergut lange aufheben kann.

Dann ist in der Schrankwand ein Bett eingebaut, ruck zuck kann ich es hochklappen und der Schlafraum verwandelt sich in ein Wohnzimmer.

Eine  kleine Couch steht drin, von der aus ich fernsehen kann.

Und nicht zu vergessen, ist noch ein Platz für den Computertisch  samt sämtlicher technischer Geräte vorhanden mit Telefon in Reichweite.

Das ist doch Luxus pur. Oder?

Oma würde Augen machen, wenn sie sehen würde, was sich alles in 60 Jahren verändert hat.

Ich sehe in den Sternenhimmel und winke ihr zu, und ich sehe sie freundlich und gütig zurück lächeln. Meine liebe Oma.

 

  

Fortsetzung folgt........

 

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